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Die Welt aus weiblicher Sicht

Die Welt aus weiblicher Sicht

Kürzlich hatte ich eine interessante Unterhaltung mit einer Lehrerin, die an einem Gymnasium Deutsch unterrichtet. Ich fragte sie, ob denn immer noch so wenig Literatur von Frauen gelesen werde wie zu meiner Schulzeit. Sie sah mich überrascht an: Es war ihr in 20 Jahren im Lehramt nicht bewusst geworden, dass sie mit ihren Klassen so gut wie keine Werke von Frauen las! Offenbar hat sich seit meiner Schulzeit nicht viel am Curriculum geändert. Ich fand es damals ganz normal, dass wir die Welt im Deutschunterricht hauptsächlich aus männlicher Sicht betrachteten -
aus der von Goethe, Schiller, Lessing, Fontane, Storm, Böll, Frisch, Thomas und Heinrich Mann, hier sprudeln die bekannten Namen nur so aus mir heraus. Die Gedanken von Frauen spielten so gut wie gar keine Rolle, spontan fällt mir immer wieder nur Annette von Droste-Hülshoff ein. Erst vor einiger Zeit, als ich einen Artikel zu dem Thema las, wurde mir klar, wie einseitig wir hierzulande geprägt werden.

Grundsätzlich ist nichts falsch daran, Bücher von Schriftstellern anderen Geschlecht zu lesen. Jedoch ist es für Frauen viel einfacher, sich in Texten wiederzufinden, die aus weiblicher Sicht geschrieben sind. Womöglich fühlen sich manche Mädchen sogar irgendwie falsch, weil sie die Welt anders erleben als die Menschen in den von Männern erdachten Romanen oder Gedichten. Den Jungs würde es jedenfalls auch nicht schaden, mal einen anderen Blickwinkel kennenzulernen.

Besonders bedenklich finde ich, dass niemandem aufzufallen scheint, wie wenig bei der Schulbildung auf die Bedürfnisse von Mädchen geachtet wird. Ich unterstelle gar nicht, dass das absichtlich geschieht. Aber gerade weil es unterhalb unseres Radars geschieht, möchte ich heute dazu auffordern, genauer hinzuschauen!

Das gilt auch, wenn es um naturwissenschaftlichen Unterricht geht. Mädchen fehlt es hier häufig an Selbstbewusstsein. Vor allem in Fächern wie Mathe oder Physik trauen sie sich weniger zu. Das liegt auch daran, dass viele Jungs schon zu Hause mit ihren Vätern heimwerken oder am Auto basteln. Diesen Vorsprung lassen sie in der Schule gerne raushängen und machen sich über die Mitschülerinnen lustig. Nicht ohne Grund leiden Mädchen weit häufiger unter Schulangst. Später im Beruf wirkt sich das mangelnde Selbstbewusstsein dann in geringerem Gehalt aus. Frauen trauen sich vieles nicht zu, übernehmen seltener Führungspositionen und studieren oft weniger aussichtsreiche Fächer.

Die Weichen, die in frühen Jahren gestellt werden, lassen sich später nur schwer wieder ausbügeln. Einige Schulen experimentieren daher bereits mit getrennten Klassen in den ersten Jahren. Und der Erfolg gibt ihnen recht: Mädchen, die in Physik nicht fürchten müssen, ausgelacht zu werden, können in ihrem eigenen Tempo lernen. Sie sammeln bis zur neunten Klasse genügend Selbstvertrauen, um von da an auch in gemischten Klassen mithalten zu können. Vermutlich trauen sie sich später eher an MINT-Berufe heran, in denen sie weitaus mehr verdienen als in den traditionell weiblichen Berufen. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen und von Beginn an auf die Bedürfnisse von Schülerinnen einzugehen.

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